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Tag 6

Nach einem üppigen English Breakfast starteten wir unseren ersten „Linksverkehr“-Ausflug nordwärts. In St. Sampson Harbour besorgten wir unser PicNick für den Tag und fuhren dann weiter in die Nähe eines der drei Golfplätze der Insel, an den Rand der Pembroke Bay. Alte Wehrtürme (über 200 Jahre alt, die meisten wohl in Privatbesitz) bewachen majestätisch die Bucht. Die Ebbe hatte bereits einen breiten Streifen Land freigegeben. Bizarre Felsformationen, vereinzelt mit Wassereinschlüssen, beherrschten die Szenerie. Es schien, als dass die Felsen, neben den Wachtürmen die zweite Abwehrkette des sichelförmigen Strandes darstellen. Beim Erkundungsspaziergang stiessen wir am nördlichsten Zipfel der Insel auf einen Schiessplatz. In dieser Umgebung würde das Obligatorische aus Optik Schütze richtig Spass machen. Aus Optik Natur, sind die fünf Scheiben so wertvoll wie ein Kropf.

Doch hier hat das Militär eine ganz andere Bedeutung. Schliesslich war Guernsey in den Wirren des Zweiten Weltkriegs zum deutschen Vorposten umfunktioniert worden. Viele Bunkeranlagen zeugen von dieser Vergangenheit. Mahnmale einer schlimmen Zeit.

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Good girl lady G. am Pembroke Bay vor Wachturm

Wir setzten den Inseltrip fort und ich verfuhr mich. Ja, trotz Navi. Denn: Vieles ist hier nicht kartografiert. Ortsbeschilderungen sind mehr oder weniger inexistent. Zudem hat ein Ölunfall eine zentrale Verbindungsstrasse ausser Gefecht gesetzt. Die Umleitung verwirrte einen Ortsunkundigen wie mich zusätzlich. Anyway. Anstatt einer glatten Runde um die Insel, waren wir plötzlich wieder in der Nähe von St. Peter Port. Wir nutzten die Gelegenheit, um im Hotel vergessenes Material aufzusammeln. Dann ging’s zur Wesküste. Lunchtime mit Blick auf Lihou Island. Das Vogelschutzgebiet, welches bei Flut wie eine Hallig aus dem Meer ragt, ist für Hunde verständlicherweise tabu. Wir machten es uns in einer felsigen Strandlandschaft gemütlich und genossen ausgiebig die karge, urige Natur.

Zurück im Hotel, ein erstes Fazit meiner ersten 24h als Linksdriver auf Guernsey: Die Strassen sind eng, sehr eng. Das Fahrtempo moderat, die Verkehrsteilnehmer rücksichtsvoll. Seit heute weiss ich, dass ein Filter nicht nur das Mundstück einer Zigarette ist, sondern auch ein Vortrittsregelung im britischen Strassenverkehr. Und: Es ist faszinierend, wie Rückenmark gesteuert wir als Fahrer funktionieren. Man muss die Sinne wirklich beisammen haben um nicht plötzlich in die Rolle des Geisterfahrers zu mutieren. Das Grosshirn muss wieder übernehmen. Zumindest die nächsten zwei Tage noch…

Vor dem Nachtessen benötigte der virtuelle Kühlschrank des Hotelzimmers noch einen Update. In 10 Minuten Gehdistanz befindet sich ein Supermarkt (Waitrose) der fast jeden Wunsch erfüllen kann. Somit ist für die Befriedigung der Maslow’schen Primärbedürfnisse jederzeit gesorgt. Apropos: Jetzt geht’s in die Stadt zum Futternapf.

Und da war da noch folgendes Hinweisschild. Man schreibt Deutsch.

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Ohne Worte

Update:
Anmerkung: Im Hafen von St. Peter Port lag für zwei Tage die Caribbean Princess vor Anker.

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Tag 5

Heute mussten wir früh aus den Federn. Um 1015h war Check-in Zeit in Saint Malo. Die Fahrt verlief planmässig. Pünktlich erreichten wir den Terminal. Als drittes Auto warteten wir auf das Boarding. Und vor uns: Der Twingo-Fahrer.
Zur festgelegten Zeit rollte das erste Auto zum Schalter. Vom Twingo-Pilot keine Spur. Da ich einen Tick zu nah aufgefahren war, konnte ich den einsamen Wagen nicht überholen. Glück gehabt. Sonst hätten wir den Comedy-Act des Tages verpasst. Geschmeidig schlenderte der Endfünfziger an der Seite seiner Gattin auf seine Bolide zu. Plötzlich erfasste er die Situation: Sein Auto an der Spitze einer auf ihn wartenden Kolonne. Vor seinem Gefährt: Gähnende Leere. Die Geschmeidigkeit in seinem Gang wich einer verkrampften Verlegenheit. Tempo wurde aufgenommen. Rein in die Karre, Gurt montiert und mit Schwung…am Kontrollposten vorbei. Doch Twingos Beifahrerin schreitet – optisch unmissverständlich sichtbar – verbal ein, unterstützt von der Hände und Arme ringenden Offiziellen, deren Lockenkopf aus dem – glücklicherweise – offenen Fenster des Kontrollhäuschens geschossen kam. Mr. Twingo legt also einen Notstopp ein und setzt seine Karre zurück. Ich blieb auf Distanz, was mir von der Uniformierten ein anerkennendes Augenzwinkern einbrachte. Twingo hat sich mittlerweile auf Höhe Schalter zurückgepirscht und bleibt mit zwei Meter Abstand zum Drive-in stehen. Die Fensterdurchreiche passt so nicht. Twingo verzichtet auf eine Rangierübung und will raus aus der Kiste. Der Gurtstraffer erinnert ihn sichtbar daran, noch mit seinem Auto verbunden zu sein. Schliesslich gelingt es ihm, sich dem Auto zu entledigen um das Check-in zu absolvieren. Wir haben uns königlich unterhalten und hoffen, das die getönten Frontscheiben unseres Vehikels etwas Diskretion gewahrt haben.

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Einfahrt der Fähre in den Hafen von Saint Malo

Die Überfahrt mit der HighTechSpeed Fähre dauerte knapp zwei Stunden. Mit 70 km/h blässt einen der Fahrtwind auf dem kleinen Freideck mächtig um die Ohren. Drinnen erinnert die Einrichtung mehr an einen Flieger als an ein Schiff. Die präventiv eingeworfenen Reisetabletten wären wohl nicht nötig gewesen. Das Meer war sehr ruhig. Weit und breit kein Gewitter. Unser Goldi musste derweil unter Deck im Auto bleiben. Vorschrift. Kein grosses Problem für unsere treue Begleiterin.

Guernsey empfing uns mit strahlendem Sonnenschein. Und dann die Premiere: Linksverkehr. Die ersten Kilometer haben gut geklappt. Mal sehen, wie schnell ich mich dran gewöhnen werde.

Wie erwartet gestaltet sich das Nachtessen in Begleitung eines Hundes als schwierig. Nur Restaurants mit Garten heissen unsere Begleitung willkommen. Nun denn. Man kann nicht alles haben…

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Nachtessen bei 50 Minuten Glockensound (zu Ehren des königlichen Nachkommens?) und Blick auf den Hafen von St. Peter Port bei Hochwasser (bei Ebbe sähe man wohl nur die höchsten Masten…)